Ev.-luth. Kirchgemeinde

Leisnig - Tragnitz - Altenhof

Leisniger Kastenordnung

Beitragsseiten

Mit Beginn der Reformation setzte man sich mit den Lehren Martin Luthers auseinander und versuchte diese schnellstmöglich hier vor Ort umzusetzen. Es entstand – nach zweimaligem Besuch des Reformators – die Leisniger Kastenordnung, das älteste evangelische Sozialpapier. Das Original von 1523 befindet sich in den Archiven des Kirchenbezirkes. 1529 wurde Luthers Freund Fues als Superintendent in der Bergstadt eingeführt. Somit ist Leisnig eine der ältesten Superintendenturen.

Aus Anlass des 530. Geburtstages von Martin Luther wurde am 10. November 2013 eine Dauerausstellung zur Leisniger Kastenordnung & Kirchenmusik im Stadtgut Leisnig, Kirchstrasse 15 eröffnet. Dort können Sie eine Kopie und Informationen der Kastenordnung finden. Informationen zu den Öffnungszeiten und zur Ausstellung erhalten sie auf der Homepage der Stadt Leisnig.


 

Zur Geschichte der Leisniger Kastenordnung

Bereits 1519, also zwei Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers in Wittenberg, wurden hier in Leisnig evangelische Predigten gehalten und die Taufen in deutscher Sprache vollzogen, was seit 1524 auch mit der Feier des Altarsakraments geschah.

Außerdem berieten seit 1520 der Rat und Kirchenälteste der Stadt im Widerspruch zum drei Kilometer muldeaufwärts gelegenen Zisterzienserkloster Buch, das die Stellenbesetzungsrechte an der Leisniger Stadtkirche St. Matthäi wahrnahm, über die Neuordnung des Gottesdienstes und Gemeindelebens, sowie über die Einrichtung eines „gemeinen Kastens“, also einer Gemeindekasse im engeren oder einer evangelischen Sozialordnung im weiteren Sinne. Der Reformator Martin Luther weilte dazu 1522 und 1523 für jeweils fünf Tage in der Bergstadt und entsprach der Leisniger Bitte um Beratung mit drei wichtigen Schriften. So entstand hier vor Ort 1523 die „Leisniger Kastenordnung“.

Die Kastenordnung wurde über die reformatorischen Stadtkirchenordnungen zum Modell lutherischer Soziallehre im gesamten deutschsprachigen und nordeuropäischen Raum, später auch als Leitbild für eine freie evangelische Schule herangezogen und sogar ins Japanische übersetzt. Sie hält die Verpflichtung zu gemeinsamer öffentlicher Verantwortung aus dem Glauben heraus bis in die Neuzeit wach.


 

Umsetzung in Leisnig

„Wir wollen und sollen, auch ein jeder Hauswirt, für sich selbst, auch seine Kinder und Hausgesinde aus priesterlicher Liebe verpflichtet sein, das heilsame, tröstliche Wort Gottes zu geordneten Tagen und Stunden, so viel uns Gott Gnade verleiht, treulich anhören und zur Besserung einbilden.

Öffentliche Gotteslästerung, übermäßig zu trinken, Hurerei, beträgliche Doppelspiele, und andere Sünde und Laster, welche göttlichen Geboten entgegenstehen, mit erstem Fleiß vermeiden, verhüten und wehren.

Einnahmen: Die 4 Altarlehn in unserem Gotteshaus sollen forthin, wenn die jetzigen belehnten Altar-Priester versterben oder die Lehn sonst erledigt sein, nicht mehr verliehen sondern samt den Gütern, Zinsen, Einkommen, Nutzungen, Kleinodien, Vorräte und fahrender Habe mit den brieflichen Urkunden, Verzeichnissen und Registern in den gemeinen Kasten gebracht werden., und dazu alle Begängnis Jahr, Tage-Ablass, Stiftungen in den gemeinen Kasten geschlagen werden,

Was an barem Gelde, Zinsen, Kleinodien, Silberwerk, Vorrat und fahrender Habe zu den berühmten Brüderschaften des Kalands St. Annen und der Schuhknechte, bis anher eingesammelt, soll in diesen gemeinen Kasten geschlagen und wird verordnet, dabei zu bleiben.

Andere freiwillige Gaben und Testamente am Totenbette, so viel zu der Ehre Gottes und Liebe des Nächsten aus christlicher Andacht geschehen, sollen ganz und gar zu diesem gemeinen Kasten getan werden.

Diesem gemeinen Kasten sollen jährlich 10 Vorsteher vorstehen, aus dem eingepfarrten Versammlungen auf dem Rathaus erwählt werde 2 ehrbare Männer, 2 des regierenden Rats, 3 aus den gemeinen Bürgern der Stadt, 3 aus Bauern vom Lande.

Der gemeine Kasten soll in unserem Gotteshaus an dem Orte, da es am sichersten ist, verwahrt sein und mit 4 unterschiedlichen Schlössern und Schlüsseln verschlossen sein, so dass der Rat, ein ehrbarer Mann, die Gemeine in der Stadt und die Bauernschaft einen Schlüssel hat.

Ausgaben: Im Kirchspiel wird das Betteln verboten, die aber aus Zufällen bei uns verarmen oder aus Krankheit und Alter nicht arbeiten können, sollen aus dem gemeinen Kasten versorgt werden.

Die zehn Vorsteher haben die Geistlichen zu versorgen, den Kirchner, einen Schulmeister für die jungen Knaben zu berufen. Eine ehrliche betagte Weibsperson soll mit einem Jahrgelde und entl. Vorrate versehen werden. Sie soll die jungen Mägdlein unter 12 Jahren in rechter christl. Zucht, Ehre, Tugend unterweisen deutsch schreiben und lesen lehren, Besorgung d. Bauwesens d. geistl. Häuser.

Die 10 Vorsteher sollen vor versammelter Gemeinde die Rechnung vorlegen.“


 

Inhalt der Leisniger Kastenordnung

In einem Nebenraum der altehrwürdigen Superintendentur Leisnig wird in einer kleinen hölzernen Truhe unter anderen historischen Dokumenten die sogenannte Leisniger Kastenordnung aufbewahrt. Es ist ein schön geschriebenes Manuskript von zehn Pergamentblättern in Querformat 33 x 27 cm, einem aus Schweinsleder bestehenden Umschlag gebunden. Der Titel auf dem äußeren Umschlag lautet: „Brüderliche Vereinigung des gemeinen Kasten ganzer eingepfarrter Versammlung zu Leiseneck 1523.“

Auf dem inneren Titelblatt steht: “Ordenung eines gemeinen Kastens. Ratschlag, wie die geistlichen Güter zu handeln seit. Martinus Luther MDXXIII.“

Die ersten vier Seiten nimmt die Vorrede Luthers ein, während die Kastenordnung selber reichlich sechs Blätter füllt.

Für die Entstehung der Kastenordnung ist bedeutsam eine Notiz in einem Brief Luthers an Spalatin vom 25. 9. 1522: „In dieser Stunde reise ich nach Leisnig ab, wohin ich mehrmals gerufen und eingeladen bin.“ Bei diesem Besuch mag er mit dem Rat von Leisnig die Einrichtung des gemeinen Kastens vorbesprochen haben. Unter dem 25. Januar 1523 hat der Rat dann Luther die Kastenordnung überreichen lassen.

Einen Blick in Luthers Geist und Wesen lässt uns zuerst die Vorrede tun. Es geht um die Regelung der durch die Reformation akut gewordenen Fragen sozialer und wirtschaftlicher Art, vor allem hinsichtlich der Klostergüter und Klosterleute, der Bistümer, Stifte und Kapitel, auch um die Verwendung der freiwerdenden Gebäude.

Die entstandene Situation kennzeichnet Luther nicht ohne Humor: „… Ich muss es doch getan haben, wenn die Klöster und Stifte ledig werden, Mönch und Nonnen sich weigern, und alles, was dem geistlichen Stand zu Abbruch und Verkleinerung geschehen mag…“. Für diese neue Lage gibt er seinen Rat: Die Obrigkeit soll die Klostergüter in ihre Verwaltung nehmen. Dazu ist der „gemeine Kasten“ zu errichten, damit nicht „etliche geizige Wänste würden solche geistlichen Güter zu sich reißen…“. Dabei will Luther den Grundsatz “Nun ist kein größer Gottesdienst denn christliche Liebe“ im Einzelnen praktiziert wissen: Niemand soll gezwungen werden, das Kloster zu verlassen, ja, die im Kloster Verbleibenden sollen am liebsten reichlicher und milder als sie zuvor versorgt gewesen sind, versorgt werden, damit man ja spüre, dass nicht der Geiz dem geistlichen Gut, sondern christlicher Glaube den Klöstereien feind sei“. Den Austretenden soll “etwas redliches mitgegeben werden… damit sie sich in einen neuen Stand begeben können“, ja, von eingebrachtem Gut möchte evtl. ein Teil wiedererstattet werden. Auch der Stifter und deren Erben wird fürsorglich gedacht, dass man den “Kindern und Erben das Brot nicht aus dem Maul nehme”. Mit Bistümern, Stiften und Kapiteln soll nach gleichen Grundsatz verfahren werden. Dem an Wucher grenzenden sogen. ”Wiederkauf” will er gewehrt wissen, und aus Bettelklöstern in den Städten soll man “gute Schulen für Knaben und Mägdelein machen.” Im Jubiläumsjahr der Reformation, das zugleich Jubiläumsjahr der Inneren Mission ist, mag es uns bewegen, zu sehen, wie der Reformator, der das Fundament evgl. Glaubens wieder ans Licht gebracht hat auch aus dem Geist der Liebe die sozialen Fragen seiner Zeit gelöst wissen will. Das zeigt sich in der milden Schonung, die den von der geistlichen Umwälzung Betroffenen widerfahren soll und dem großen Gerechtigkeitssinn, der Niemanden um das Seine bringen möchte.

Nach Luthers Vorwort folgt sodann die eigentliche Kastenordnung , mit der der Rat der Stadt Leisnig Luthers Ratschläge zu entsprechen suchte. Es sind sieben Abschnitte, in denen er eine Regelung der Verhältnisse anstrebt.

Der 1. Abschnitt handelt von der Grundlage , auf der das Ganze beruhen soll, nämlich auf Gottes Wort , das zu verkündigen Aufgabe des Pfarramtes ist, unter das Kinder und Hausgesinde zu führen der Hauswirt und die Hauswirtin verpflichtet sind, und um des willen Hauswirt und Hauswirtin ihr Haus zur Ehre Gottes in guter Zucht halten sollen.

Der 2. Abschnitt gibt Vermögen, Vorrat und Einnahmen des gemeinen Kastens an, z. B. alle beweglichen und unbeweglichen Güter des Pfarrlehens das Gesamteigentum des Gotteshauses, die Einnahmen von den Altarlehen, den Brüderschaften, die Gottesgaben von Handwerkern und Bauernschaften Einlagen an Geld und Naturalien im Gotteshause sowie Geschenke und Vermächtnisse.

Der 3. Abschnitt handelt von der Verwaltung des gemeinen Kastens durch zehn Vorsteher, die alljährlich nach dem Drei-Königstag von einer allgemeinen Versammlung zu wählen sind und allsonntäglich die Bücher zu führen und über Ausgaben und Einnahmen zu beschließen haben. Der gemeine Kasten soll im Gotteshause am sichersten Orte verwahrt und mit vier unterschiedlichen Schlössern und Schlüsseln verschlossen sein, dazu die Schlüssel je einen vier Vorsteher haben sollen.

Der 4. Abschnitt erklärt die Bettelei für aufgehoben. ”Denn welche mit Alter und Krankheit nicht beladen, sollen arbeiten … Die aber aus Zufällen bei uns verarmen oder aus Krankheit und Alter nicht arbeiten können, sollen aus unserem gemeinen Kasten ziemlicher Weise versehen werden.”

Der 5. Abschnitt regelt die Ausgaben aus dem gemeinen Kasten, z. B. die Besoldung der Pfarrer, Kirchner und Lehrer. Schulgeld sollen Letztere nicht mehr erheben. Auch die “jungen Maidlein unter 12 Jahren” sollen von einer ”ehrlichen, betagten untadeligen Weibsperson” unterwiesen werden. Ausführlich wird die Armenpflege, die Fürsorge für Fremde, für die Gebäude und die Lebensmittelbevorratung der Stadt behandelt.

Der 6. Abschnitt bestimmt, dass zur Deckung eines etwaigen Fehlbetrages des gemeinen Kastens jeder nach seinem Vermögen ”jährlich ein Geld zulege” und die gewonnene “christliche Freiheit ja nicht etwa missbrauche zur Bedeckung schändlichen Geizes“.

Im letzten Abschnitt wird nochmals von den Jahresversammlungen und Rechenschaftsablegungen gehandelt und dann die Urkunde mit feierlichem Schlusse vollzogen: ”Geschehen und geben zu Leisneck nach Christi unseres lieben Herren Geburt, Tausend fünf Hundert und im drei und zwanzigsten Jahre“.

Wir können nur mit Staunen sehen, wie in dieser Kastenordnung Grundsätze aus dem Geist des Evangeliums festgelegt sind, die bei Abstellung von Missständen schonend mit den Beteiligten, gerecht und voll Liebe bei der Neuordnung; fortschrittlich in Einzelfragen z. B. hinsichtlich des Besoldungs- oder Schulwesens oder der Armenpflege verfahren. Freilich ist es mit dieser Ordnung gegangen wie mit manchem guten Gesetz. Es hat darüber bald Zwiespalt gegeben, wodurch aber der wegweisende Wert dieser Arbeit nicht gemindert wird. Mit gutem Recht ist fast in jedem größeren Kirchengeschichtsbuch von der Leisniger Kastenordnung die Rede.

nächste Veranstaltungen

Landeskirchliche Gemeinschaft Minkwitz
Mo 28. Sep / 19:00 - 21:00 Uhr
Männerwerk Altenhof - Leisnig - Tragnitz
Mo 28. Sep / 19:30 - 21:00 Uhr
Kantorei Leisnig
Di 29. Sep / 19:30 - 21:00 Uhr
Seniorenkreis
Mi 30. Sep / 14:30 - 16:30 Uhr
Kurrende Altenhof
Mi 30. Sep / 19:00 - 19:30 Uhr
Kantorei Tragnitz
Mi 30. Sep / 19:30 - 21:00 Uhr
Kantorei Altenhof
Mi 30. Sep / 19:30 - 20:30 Uhr
Posaunenchor
Fr 2. Okt / 18:30 - 22:00 Uhr
Ökumenischer Gottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit
Sa 3. Okt / 10:00 - 11:30 Uhr
Gottesdienst in moderner Form zum Michaelisfest mit Taufgedächtnis
So 4. Okt / 11:00 - 12:30 Uhr